Late to the party: Jusant – eine persönliche Nachlese
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Kupfer -
20. November 2025 um 20:37 -
81 Mal gelesen -
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Kurz vorweg, ich vermeide Spoiler. Die Screenshots stammen aus dem ersten Kapitel, mehr möchte ich, falls ihr Jusant noch nicht gespielt habt, nicht verraten.
Hier beginnt unsere Reise
Der Einstieg hat mich sofort abgeholt. Wunderschön und gleichzeitig seltsam entrückt. Die Welt wirkt wie konserviert, ausgetrocknet, zurückgelassen.
Eine einzigartige Atmosphäre, die neugierig macht. Und sofort stellt sich die Frage: Warum wirkt alles so Ozean-nah, obwohl es kein Wasser gibt? Beim Klettern stößt man immer wieder auf nautische Spuren: Bootsanleger mitten in den Klippen, trockene Docks, in der Luft hängende Bojen, festgebundene Taue, als würde gleich ein Schiff einlaufen.
Je höher man klettert, desto deutlicher stellt sich heraus: unten eher einfache Höhlen, provisorische Unterkünfte, zusammengeschusterte Stege, später dann ausgedehnte Siedlungen mit klar erkennbarer Infrastruktur. Es gibt Reste von Geschäften, Werkstätten, Landwirtschaft, Orten für Freizeit und Gemeinschaft. Man merkt, dass hier einmal ein lebendiges, gut organisiertes Leben stattgefunden haben muss.
Erst auf den zweiten Blick ergibt sich daraus ein Bild: Die Welt hat sich Schicht für Schicht an einen sinkenden Wasserstand angepasst. Die Menschen sind dem Wasser immer weiter nach unten gefolgt, haben neue Siedlungen gebaut, alte zurückgelassen. Die (Hobby)-Franzosen unter uns dürfte das nicht überraschen, "Jusant" heißt übersetzt schließlich "Ebbe".
Alles ist verlassen und durch die Trockenheit erhalten. Die Welt ist nicht bedrohlich, sondern melancholisch. Hier herrscht eine Stille, die die Geschichten dieser Orte fast besser erzählt, als Worte es könnten.
Nach ein paar Kletterübungen erreichen wir eine kleine, provisorische Werkstatt, in der wohl einst Gerüste, Steege und Boote gebaut wurden
Der Stil erinnert mich immer wieder an etwas Studio-Ghibli-haftes. Nicht direkt, sondern in der Art, wie die Welt gebaut ist, wie Assets platziert sind, wie kleine Details Geschichten andeuten.
Während bei Ghibli die Luftfahrt ein wiederkehrendes Motiv ist, ist es hier die Nautik. Die Überreste eines einst lebendigeren Lebens, eingebettet in Fels, Sonne und Wind. Manche Setpieces wirken fast wie aus einer bespielbaren Traumwelt.
Der Artstyle von Jusant wirkt klar, warm und sehr bewusst reduziert. Die Welt ist farblich dezent, mit erdigen Tönen, staubigem Licht und sanften Pastellakzenten, die nie aufdringlich wirken. Felsen, Pflanzen, Holzstrukturen und alte Maschinen sind in einem stylisierten, aber glaubwürdigen Look gehalten, der die Formen vereinfacht, ohne sie leer wirken zu lassen. Diese optische Ruhe bei gleichzeitig hohem Detailreichtum passt perfekt zur Atmosphäre des Spiels. Und auch wenn manche Aspekte an Ghibli erinnern, bleibt Jusant eigenständig und erschafft einen eigenen Look and Feel.
Der Soundtrack ist eine Wucht. Minimalistisch, klar, emotional, aber nie aufdringlich. Er wirkt wie der Wind, der einen begleitet. Manche Stücke bauen Spannung auf, andere legen sich sanft um das Gameplay. In Kapitel 4, meinem Lieblingskapitel, greift alles perfekt ineinander: Musik, Bildsprache, Atmosphäre. Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber dieses Kapitel ist für mich der Moment, in dem Jusant sein volles Potenzial entfaltet und für mich persönlich den Höhepunkt des Spiels markiert.
Ein wenig weiter werden wir mit einer Aussicht auf ein nicht näher erläutertes Wasteland belohnt und klettern weiter ...
Ein weiterer Aspekt, wenn nicht sogar ein Kernstück des Worldbuildings von Jusant, sind die Briefe und Notizen, die man überall findet. Die meisten stammen aus der Zeit, als der Turm noch bewohnt war, und geben Einblicke in Alltag, Sorgen, Hoffnungen und die wachsenden Probleme mit dem schwindenden Wasser. Dann gibt es noch die Texte von Bianca, die eine eigene Perspektive liefert. Gemeinsam zeichnen diese Briefe ein lebendiges Bild davon, wie die Bewohner diesen Ort erlebt haben, wie sie sich anpassten, wie sie gelitten und gehofft haben. Sie eröffnen kleine Fenster in personalisierte Schicksale, die zusammen ein großes, melancholisches Panorama ergeben. Jusant ist eines der wenigen Spiele, in dem ich alle dieser Briefe gelesen habe.
Ich möchte bewusst keine konkreten Briefe oder Inhalte zitieren. Genau das macht das Entdecken aus. Man liest sich durch diese Welt, während man sie kletternd erkundet. Mit der Zeit spürt man immer deutlicher, wie unterschiedlich die Menschen hier gelebt haben müssen, welche Konflikte sie begleitet haben und wie sehr ihr Alltag von der langsamen Flaute ihrer Umgebung geprägt wurde - und manchmal findet dadurch auch in Fünkchen Humor den Weg ins Spiel
... bis wir schließlich unser erstes Ziel erreichen - was wohl weiterhin auf uns warten mag?
Das Klettern macht überraschend viel Spaß. Kein Stress, keine Hektik. Eher ein meditatives Hinaufarbeiten. Sich die Seil- und Kletterphysik zunutze zu machen, ist angenehm fesselnd (no pun intended) und genügt für die rund 6 - 7 Stunden an Gameplayloop. Es gibt Sammelgegenstände wie Briefe, Steinhaufen und andere kleine Entdeckungen, aber sie fühlen sich nie wie Sammelpflicht an, sondern wie natürliche Neugier. Ich habe zum ersten Mal ohne Guide und ohne Druck alles gefunden und die Platin geholt, einfach weil die Welt mich interessiert hat.
Jusant ist melancholisch, aber gleichzeitig lebensbejahend. Die Welt ist dystopisch, aber nicht bedrohlich. Eher wie eine Momentaufnahme nach einem großen Wandel, eingefroren im Stillstand.
Wenn man möchte, kann man Parallelen zu unserer echten Welt und unseren Problemen ziehen, oder man lässt Jusant einfach Jusant sein.
Jeder Abschnitt hat seine eigenen magischen Momente. Und es lohnt sich, diesen Turm Schritt für Schritt, Griff für Griff zu erklimmen.
Wenn ihr es noch nicht gespielt habt: wartet auf einen ruhigen Tag, an dem ihr euch auf so ein Spiel einlassen könnt und nehmt euch Zeit.
Hört dem Spiel zu, lest die Briefe, ohne sie zu überfliegen. Jusant ist kein lautes Spiel, es braucht keinen Applaus. Es will nur begleitet werden. Und genau das macht es so besonders.
Definitiv ein Höhepunkt dieses Jahres für mich und eine Erinnerung daran, warum ich mich vor Jahrzehnten ins Gaming verliebt habe.
Danke fürs Lesen ![]()
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